Konstruktion der Stabkirchen

Nagelung

Die Metallarmut Norwegens im Mittelalter zwang dazu, die Stabkirchen, wie überhaupt alle Holzbauten, durch besondere Konstruktionen möglichst ohne eisen auszuführen. Für die Befestigung von Einzelteilen, wie etwa die Dachschindel, wurden Holznägel gebraucht. So entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine ganz eigene Technik der Verriegelung, Einkerbung und Verzapfung des Holzes.
  • (Abb.11)
    Beispiele von Nagelungen:
    1. Dachstuhl
    2. Knaggen
    3. Festhalten der Querleisten an Türflügeln
    4. Bodendielen

Fundament und Basis

Das meist recht niedrige Fundament wurde aus Steinen aufgeschichtet, darauf wurden dann die Schwellen angebracht. Dies waren besonders starke Stämme, die meist nur wenig behauen wurden.
Je nach dem Typus der Kirche, ob Ein- oder Vielmastkirche, wurden die Schwellen verschieden gelegt. Bei einer Einmastkirche bildete das erste Schwellenpaar ein Kreuz, rings um dieses zu einem Viereck angeordnet, folgten vier weitere Schwellen. Bei mehreren freistehenden Masten, mindestens vier Stück, wurden zuerst die beiden Schwellenpaare auf die Steine gelegt, welche nachher die Masten zu tragen haben. Das längere Paar wurde, der Längsrichtung der Kirche entsprechend, wenn möglich west-östlich gelegt, das kürzere quer darüber, so dass sie ein Rechteck bilden, Länge und Breite des Hauptraumes darstellend. Bezeichnend ist, dass diese vier Grundschwellen etwa drei bis vier Fuß über ihre Schnittpunkte hinausragen. Das Viereck, das sie bilden, ist somit bedeutend kleiner, als es die Länge der Stämme hätten vorschreiben können. Zuletzt verband man durch vier weitere Schwellen die hinausragenden Enden der ersten Schwellenpaare, indem man sie alle ineinander verschränkte.
Der Raum zwischen den erst gelegten inneren Schwellen bildet das Mittelschiff, der Raum zwischen den inneren und äußeren die Seitenschiffe bzw. die Innenumgänge.
  • (Abb.13) Schematische Darstellung von Grundrissen der Einmastkirchen, der Stabkirchen des Valdres-Typus und der Vielmastkirchen
  • (Abb12) Basis der Stabkirche von Heddal
  • (Abb.14) Der Aufbau einer Stabkirche (v.u.n.o.):
    1. das Fundament,
    2. die Grundbalken,
    3. die Stäbe und oberen Balken,
    4. Die Dachstühle und Dachreiter,
    5. der "Gürtel" aus Andreaskreuzen,
    6. das Bogen"knie" zwischen den Säulen,
    7. Bogen"knie" und das Svalgangdach um die Säulen herum
  • (Abb.16) Bodenrahmen mit überstehenden Ecken, wie sie in Kirchen des B-Typs vorkommen
  • (Abb.15) Bodenschwellen, von "gabelförmigen" Ecksäulen fest zusammengehalten; zwei Lösungen

Masten

Danach wurden die Masten in die Grundschwellen eingezapft. Die Zimmerleute fertigten zuerst unten am Boden die Masten wie auch die sie verbindenden Konstruktionen. Beim Aufrichten klappte dann gewissermaßen das Gerüst oben zusammen und konnte leicht zusammengebaut werden, da die verbindenden Teile schon angefertigt waren. Diese bestehen meist aus einer unteren und einer oberen Reihe parallel verlaufender Balken, die von beiden Seiten die Masten einklemmen. Derart verriegelt stützen sich nun die Masten gegenseitig. Hatte man zwei Reihen von Zangen, entstand dadurch eine Reihe viereckiger Zwischenfelder, horizontal begrenzt durch die Zangen, vertikal durch die Masten. In diese Zwischenräume baute man Andreaskreuze ein.
Als weitere Bindeglieder zwischen den Masten finden sich Knaggen, in der Regel in zwei Reihen, eine unterhalb der unteren Zangenkonstruktion und eine über der höhergelegenen. Sie unterstützen auch die Schwellen der Oberwände des Mittelschiffs. Die Knaggen in den Winkeln sind in der Regel gekrümmt gewachsene Holzstücke. Solche nehmen auch die Spanten des bei großen Kirchen mehrfach gestaffelten Dachstuhls auf.
Die weitere Aufgabe der Masten ist, den Dachstuhl und eventuell seinen Überbau, den Dachreiter, zu tragen. ihre Eckpfeiler einen Umfang von anderthalb Metern oder mehr und sind am Fuß kugelig ausgebildet. Um durch sie die Gewähr einer möglichst stabilen Basis zu haben, wurden sie nicht eingezapft, sondern über die ineinander verkerbten Enden der Schwellen gestülpt. Zu diesem Zweck bekamen die Pfeiler am unteren Ende zwei sich kreuzende Schlitze, die die Ecken umklammerten. Dass die Eckpfeiler so auf den Schwellen sitzen, bewahrt sie auch vor der Feuchtigkeit des Bodens.
  • (Abb.22) Errichten einer Stabkirche
  • (Abb.20) Querschnitt einer Rekonstruktion von Kaupanger

Eckpfeiler

Die Eckpfeiler besitzen neben der Aufgabe, das Dach zu tragen, auch den Zweck, die untere Wand seitlich zu halten. Diese besteht aus sehr breiten, drei bis vier Zoll dicken Planken. Seitwärts werden diese mit Nuten und Federn versehen, damit sie ineinander gezwängt werden konnten. Oben wurde der Wand ein horizontal liegender Balken, die "stavleggje" (Liegestab), aufgestülpt. Somit bilden die Schwelle, die Eckpfeiler und dieser Balken das feste Gefüge, welches die Wand zusammenhält. Auf der Innenseite bekam die Wand zur Sicherung oft noch eine Kreuzverstrebung. Nach außen ist sie durch den Söller, darüber durch eine Schindelverkleidung geschützt.
  • (Abb.23) Stabkirche von Borgund
  • (Abb.24) Stabkirche von Reinli: Wand- und Mastenkonstruktion
  • (Abb.25) Die Eckkonstruktion des Schiffs in Kaupanger garantiert perfekten Stand der Säule
  • (Abb.26) Portal von Heddal

Umgänge

Was sonst als Seitenschiff bezeichnet wird, könnte man in den Stabkirchen Innenumgänge bezeichnen. Denn genau betrachtet laufen sie um den ganzen viereckigen, von den Masten umschlossenen Kern des Bauwerks herum, schieben sich also auch zwischen diesem und dem Chor ein.
Das sehr steile Pultdach der Innenumgänge ist oben an jener Stelle des Kernraumes verankert, wo die Masten der oberen Wand einlaufen. Dort befindet sich der horizontal um das ganze Gefüge laufende Balkenkranz, der als Schwelle der Oberwand aber auch als Stütze des Pultdaches dient.
Die Innenumgänge haben nicht nur den Zweck, den Raum zu erweitern, sondern auch das ganze Bauwerk gegen seitlichen Winddruck zu sichern. Das geschieht durch eine Reihe Sparren, die zwischen abgerundeten Knieverbänden eingeklemmt sind.
  • (Abb.27) Stabkirche von Borgund
  • (Abb.28) Auffangen seitwärts wirkender Kräfte durch Strebebögen und -pfeiler (Notre Dame in Paris)
  • (Abb.29) Ausschnitt des Gefüges der Stabkirche von Hopperstad
  • (Abb.30) Ausschnitt aus der Stabkirche von Borgund mit Darstellung der vom Winddruck hervorgerufenen Auswirkungen

Oberwände

Die von den Masten getragenen Oberwände, die den überhöhten Teil des Mittelschiffes umschließen, sind nach demselben Prinzip wie jene die Seitenschiffe umschließenden Unterwände gebaut. Da sie aber die umlaufenden Masten in sich aufnehmen, sind sie in kleinere Sektionen unterteilt, was die Konstruktion ein wenig kompliziert. Die Langwände werden von einigen runden Lichtlöchern (oder auch Windaugen genannt) durchbrochen, deren Durchmesser kaum sechs Zoll beträgt, während die westliche Querwand manchmal ein kleines Fenster enthielt. Daher fällt nur sehr wenig Licht in das Kircheninnere. Die teils vorhandenen Fenster wurden erst in der Reformationszeit nachträglich einsetzt.
  • (Abb.31) Detail aus dem erhöhten Mittelschiff von Borgund mit Querbalken, Andreaskreuzen und dem oberen Teil der Wände
  • (Abb.32) Stabkirche von Heddal

Dachstuhl

Der das Mittelschiff krönende Dachstuhl ruht auf einer fünfkantigen, sehr kunstvoll gestalteten Schwelle. Auf der ersten Kante liegt die Schwelle selbst auf ihrer Unterlage, der ebengenannten stavleggje. Dann folgt eine sich nach außen kehrende Kante, danach eine schräge Kante, an der die Dachbretter anliegen. Die nun folgende, nach innen führende Kante, bildet die Basis jener Reihe von Kreuzverstrebungen, die die Aufgabe haben, den Dachstuhl abzusteifen. Deshalb darf sie nicht genau senkrecht zu der vorigen stehen, welche die Dachbretter stützt, sondern bildet zu dieser einen leicht spitzen Winkel. Die fünfte und letzte Kante trifft wieder auf die Unterlage zurück.
Die Dächer sind schindelgedeckt, mit oft reich verziertem First und großzügig überkragender Traufe. Die Giebel zieren Drachenköpfe, manchmal auch Kreuze.
Dem Druck des Sturmes und den schweren Niederschlägen ausgesetzt, wie es der Dachstuhl immer war, waren besondere Vorrichtungen notwendig, um ihn zu sichern. Dazu dienen zunächst die Kreuzverstrebungen, auch als Scherenbinder bezeichnet, da sie sich rechts und links im Raum, etwas unterhalb des Firstes unterschneiden. Diese Konstruktionen wurden noch durch einen kleinen horizontalen Querbalken verstärkt, den man in Norwegen wegen seiner hohen Lage als Hahnenbalken (hanebjelken) bezeichnet. Eine starke Stütze bedeuten die in einigen Kirchenverwendeten schweren Ankerbalken, die von Sims zu Sims quer über das Schiff gelegt sind.
Die von dem Sims zum First aufsteigenden Dachsparren verband man unten mit jenen Bögen, die sich wie eine verklingende "Spiegelung" der von den Masten getragenen Arkaden ausnehmen. Über dieses Gerüst legte man abermals einige schwere, dem Sims und First parallel laufende Sparren, in die dann die Dachverschalung eingenagelt werden kannte.
  • (Abb.35) Schematische Darstellung zweier Dachgefüge
  • (Abb.36) Verstrebung der Dachkonstruktion unter dem Dachreiter in Reinli

Das vom Schiffsbau entlehnte Gefüge des Dachstuhls

Wenn man das Innere eines Stabkirchendachstuhls mit einem Wikingerschiff vergleicht, so scheinen Sparren und Spanten miteinander verwandt. Das Stabkirchendach ist jedoch nicht direkt aus dem Schiffsbau entstanden, sondern aus dem Sparrendach. Was Dachstuhl und Bootsbau miteinander verbindet, ist die Art, wie die Knaggen die Übergänge am Rähm, an Streben und Kehlbalken vermitteln und so das Gefüge als gewachsene Einheit gestalten.
Wie zu den Spanten der Schiffe suchte man auch für die Knaggen möglichst natürlich gewachsene Hölzer mit Ansatz von Ästen zu verwenden.
So wie die Wikingerschiffe den Winden trotzen mussten, sind die Stabkirchen äußerst widerstandsfähig gegen die häufigen Stürme. Bei den ersten Windstößen beginnt die ganze Kirche zu schwanken, es knirscht und kracht in allen Fugen. Aber nach und nach hört der Lärm auf, die Zapfen und Verschlitzungen haben ihre Lage gefunden. Die Kirche gibt bei jedem Windstoß nach, fast so wie der Wipfel einer großen Tanne. Wenn der Wind sich wieder legt, rückt die Stabkirche auch wieder langsam in ihre Ausgangsposition zurück.
  • (Abb.65) Gogstadschiff
  • (Abb.66) Geschmiedetes Schiff als Altarleuchter in der Dale-Kirche in Sogn
  • (Abb.67) Spanten des Gokstadschiffes
  • (Abb.68) Ausschnitt aus dem offenen Dach von Eidsborg

Dachreiter

Für den "Dachreiter", einen turmähnlichen Überbau, der wiederum dreistufig gegliedert sein kann, legte man quer über den starken Firstbalken zwei kürzere Balken, und zwar in einem Abstand, welcher der Länge des Dachreiters entspricht, während die Länge dieser Querbalken seiner Breite gleichkommt. An ihren Enden wurden sie durch zwei weitere Balken verbunden, so dass ein Viereck entstand. Die Eckpunkte unterstützte man durch vier Stämme, die unten auf dem Sims Fuß fassen und so weit aufragen, wie es die Höhe der Dachreiterwand verlangt. Danach wurden die Wandbretter wie üblich eingesetzt. Diese erhielten durchbrochene Elemente, in der Regel aus kreisförmigen, in sich verschlungenen Linien entwickelt. Darüber legte man ein Satteldach, an dessen Giebeln nach Osten und Westen Drachenköpfe angebracht wurden. Beim klassischen Typus folgt ein weiterer kleiner Aufbau, der nach einem ähnlichen Prinzip gebildet ist wie der Dachreiter. Der Dachreiter war wahrscheinlich für Glocken vorgesehen. Es gab aber auch vereinzelt freistehende Glockentürme.
  • (Abb.38) Dachreiter der Stabkirche von Borgund
  • (Abb.39) freistehender Glockenturm in Borgund aus dem Mittelalter

Chor uns Apsis

Der Chor kann, bautechnisch gesprochen, als ein dem Hauptbau hinzugefügter kleinerer Anbau betrachtet werden. Wo es sich um einschiffige Kirchen handelte, bildete das Anbauen kein Problem. Denn hier fehlen die freistehenden Masten und so auch die Innenumgänge mit ihren Pultdächern. Letztere vor allem standen dem Anbau im Weg und mussten aufgelöst werden. Zu diesem Zweck sind sie vom Chor übernommen und entlang seiner Nord- und Südwände weitergeführt, wodurch das architektonische Bild geschlossen bleibt. Auf diese Weise erhält der Chor eine gestufte Decke.
Sonst ist der Chor in der Hauptachse nach denselben Grundzügen gebaut wie das Schiff. Wo sich die Wand dem Chor öffnet, findet man zwei Pfeiler, die in bautechnischer Hinsicht die wichtigsten Verbindungsglieder zwischen Bau und Anbau bilden. Von hier aus laufen nun die Chorwände auf zwei Schwellen jenen Eckpfeilern zu, die nach Osten den Chor begrenzen.
Nach Osten schließt die halbkreisförmige Wand der Apsis das Bauwerk ab. Die Apsis war am Anfang nicht überall vorhanden.
  • (Abb.41) Grundriss der Stabkirche von Borgund
  • (Abb.42) System des Aufbaus der Stabkirche von Urnes. Der Anschluss des Chores erscheint sehr behelfsmäßig

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