Der Norweger und der Alkohol

Viele, die zum ersten mal nach Norwegen kommen, sind erstaunt über die norwegische Alkohol-Politik. Im Gegensatz zu den meisten Ländern kann man in Norwegen Alkohol nur in den staatlichen "Vinmonopolet" Geschäften kaufen. In Supermärkten gibt es nur Bier und "rusbrus" mit geringem Alkoholgehalt. Auch wenn man ein Lokal besucht, ist es nicht gesagt, dass man dort alle Getränke erhält. In vielen Cafes gibt es keinen Alkohol und es gibt auch immer noch Restaurants, in denen man keinen Wein zum Essen bestellen kann.

Wie kommt das?
Im 1900 Jahrhundert hatte Norwegen eine liberale Gesetzgebung und ein großes Problem mit Alkohol-Missbrauch, statistisch gesehen hat zu dieser Zeit jeder erwachsene Norweger 13 Liter Branntwein jährlich getrunken. Durch den immer größer werdenden Alkoholmissbrauch und die daraus resultierenden Probleme wurde im Jahre 1919 eine Volksabstimmung durchgeführt, in der es darum ging, den Verkauf von Alkohol in Norwegen gänzlich zu verbieten. Bei dieser Abstimmung stimmten 61% mit ja und im Jahr 1921 trat das Alkoholverbot in Kraft. Jedoch führte dieses totale Alkohlverbot zu enormen außenpolitischen Problemen mit Handelspartnern wie dem Weinland Frankreich und im November 1922 wurde dann das Vinmonopolet als private Aktiengesellschaft unter staatlicher Kontrolle ins Leben gerufen. Als 1926 das Brantwein Verbot aufgehoben wurde, wurde auch dieser nur noch über das Vinmonopolet verkauft.
In den dreißiger Jahren wurde ein eigenes Gesetz für die Betreibung des Vinmonopolets erlassen und das Vinmonopolet wurde ab 1939 Staatseigentum. Zu Beginn der neunziger Jahre gab es eine größere Umstrukturierung um den EWR- Anforderungen zu entsprechen und so, wie das Vinmonopolet heute existiert, ist es seit 1997.

Jedoch hat sich im Laufe der Zeit schon einiges geändert. Während es früher nur in den großen Städten Vinmonopol Geschäfte gab, sind heute fast flächendeckend im ganzen Land legal alkoholische Getränke zu bekommen. Es ist auch nicht mehr überall so, dass man wie in einer Bank am Schalter steht und von einem Verkäufer das Gewünschte über den Tresen gereicht bekommt. Mittlerweile gibt es eine wachsende Anzahl von Selbstbedienung Vinmonopolet-Läden in denen der Kunde selber durch die Regalreihen streifen darf.

Und auch, wenn es schon billiger geworden ist, so ist ein Einkauf im Vinmonopolet oder der Genuss von Alkohol generell immer noch eine sehr teure Sache in Norwegen.
Das hat letztendlich zur Folge, dass Selbstgebrannter in Norwegen immer noch gang und gebe ist. Auch wenn es streng verboten ist und hoch bestraft wird, so wird immer noch schwarz gebrannt und man glaubt gar nicht, aus was man so alles Schnaps brennen kann ... Darüber hinaus wird recht viel Alkohol geschmuggelt, denn schon direkt hinter der Grenze in Schweden kosten die Flaschen nur einen Bruchteil von dem, was in Norwegen gezahlt werden muss.
Vermutlich hält sich auch deshalb sehr hartnäckig die Annahme, dass es nichts besseres gibt, als norwegischen Gastgebern eine Flasche Alkohol mitzubringen. Es ist wohl richtig, dass sich viele Norweger über einen guten Tropfen freuen, aber pauschal würde ich auf dem Gebiet zur Vorsicht raten.
Auch in Norwegen gibt es Antialkoholiker, lehnen manche Menschen Alkohol aus religiösen Gründen ab (das ist besonders im südwestlichen Teil Norwegens recht verbreitet) oder sie fassen es als Beleidigung auf, immer als alkoholbedürftiger Norweger gesehen zu werden. Wenn man einem Norweger als Gastgeschenk Alkohol mitbringt, so sollte man sich sicher sein, dass man sich damit nicht ins Fettnäpfchen setzt und wenn, dann auch nicht mit einer Flasche billigem Fusel, sondern mit einem guten Tropfen dastehen. Glaubt mir, auch die Norweger kennen den Unterschied. Im Zweifelsfall würde ich von Alkohol als Mitbringsel abraten.
Wer Alkohol nach Norwegen einführen möchte, muss sich an folgende Einfuhrbeschränkungen halten:
Zollfreie Einfuhr: 2 l Bier, 1 l Spirituosen (bis 60%) und 1 l Wein etc. (bis 22%) ODER: 2 l Bier und 2 l Wein (aber keine Spirituosen) sowie 200 Zigaretten oder 200 Zigarettenpapiere und 250 g Tabak. Über die zollfreie Quote hinaus dürfen 4 l Spirituosen/Wein und 10 l Bier mitgeführt werden. Achtung! Man muss mind. 20 Jahre sein um Spirituosen, und mind. 18 Jahre um Wein, Bier, Zigaretten oder Tabak einführen zu dürfen.

Wichtiger Hinweis


Aufgund der hohen Alkoholpreise taucht immer wieder die Frage auf, was passiert, wenn man erwischt wird? Und besteht überhaupt die Gefahr, dass man erwischt wird? So streng sieht das doch bei der Einreise alles gar nicht aus, oder?

Zum einen muss man immer darauf gefasst sein, das man kontrolliert werden kann. Die Leute vom Zoll haben auch ihre Hausaufgaben gemacht und stehen nicht nur da um die Leute durchzuwinken. In der Regel kennen die ihre Pappenheimer und wenn man in den Zollstatistiken sieht wie viel Alkohol regelmäßig beschlagnahmt wird, sieht man, dass Schmuggel sich nicht lohnt.

Alles was man über die erlaubten max. Mengen dabei hat muss man bezahlen und das ist nicht billig. Darüber hinaus wird alles, was über der max. Menge liegt beschlagnahmt. Auch wenn man auf dem Landweg einreist, ist man nicht gegen Kontrollen gefeit, denn auch dort wird kontrolliert und die Konsequenzen können schwerwiegender sein, als man das im ersten Moment glaubt. Schmuggel gilt nicht als Kavaliersdelikt, sondern ist eine Straftat und wird als solche behandelt.

Der Umgang des Norwegers mit Alkohol ist deswegen oft für Außenstehende nur schwer zu verstehen und löst immer wieder Unverständnis und Irritationen aus. Die Folgen dessen hat Odd Børretzen einmal sehr gut beschrieben, weswegen ich einen Auszug aus seinem Buch hier eingefügt habe.
troll

Der Norweger und der Alkohol

Textauszug aus dem Buch "Wie man einen Norweger versteht und benutzt" von Odd Børretzen

Weil der Norweger 8000 Jahre lang einsam in seiner Höhle gelebt hat, gab es damals in Norwegen keinen Absatzmarkt für die kommerzielle Schnapsherstellung. Der Norweger musste sich deshalb auf diesem Gebiet selber behelfen. Er stellte seine eigenen alkoholhaltigen Getränke daheim in seiner Höhle her, später auf seinem Bauernhof. Er hatte jedoch nicht gelernt, Glas und Flaschen herzustellen. Die Aufbewahrung des fertigen Produkts war deshalb ein Problem für ihn.
Dieses Problem löste der Norweger, in dem er alles auf einmal austrank.
Wenn er danach in den Wald ging, war er glücklich, zufrieden und der ganzen Welt gegenüber freundlich gesinnt. Sollte er an einem solchen Tag einem Elch, einem Bären oder so etwas ähnlichem begegnen, ging er oft auf den Elch, den Bären oder was es auch immer war zu und sagte beispielsweise: „Du bist ein feiner Kerl“ und machte Anstalten, dem Tier über den Kopf zu streichen, Das Tier, das vollkommen nüchtern war, empfand die Freundlichkeit als Bedrohung (nüchterne Tiere und Personen in Norwegen und an anderen Orten tun das oft) und schlug in einigen Fällen den Norweger tot, oder biss ihm einen oder mehrere Arme und Beine ab.
Diese Erfahrungen haben, zusammen mit dem überliefertem Mangel an leeren Flaschen, dazu geführt, dass der Norweger
1. großen Respekt vor dem Zustand der Betrunkenheit hat, da er weiß, dass dieser zu Missverständnissen und Unannehmlichkeiten im Wald führen kann und deshalb trinkt er
2. alles heute auf, weil er nicht weiß, ob er morgen noch leben wird.
Statistisch gesehen ist der Alkoholverbrauch des Norwegers im Vergleich zu anderen verhältnismäßig gering.
Der Däne trinkt laut Statistik in einem Jahr 11 Liter Wein, 116 Liter Bier und 1,7 Liter Schnaps.
Die entsprechenden Zahlen für den Franzosen: 101, 45,2 und 3,5; für den Engländer: 5,7 , 118 und 4,1; für den Deutschen: 22, 148 und 4,1.
Dagegen trinkt der Norweger nur 3,2 Liter Wein, 45,1 Liter Bier und 1,2 Liter Schnaps . Statistisch gesehen. Pro Jahr.
Obwohl also der Alkoholverbrauch des Norwegers einer der niedrigsten in Europa ist, kann es manchmal so aussehen und sich anhören, als sei dies nicht der Fall. Das kommt daher, weil der Däne, der Engländer, der Franzose usw. während der gesamten statistischen Periode jeden Tag ein bisschen trinken, während der Norweger aus oben genannten Gründen oft die gesamte Statistik mit einem Mal austrinkt. Das geschieht oftmals auf der Fähre nach Dänemark oder auf anderen Reisen ins Ausland. Und dann können 3,2 Liter Wein, 45,1 Liter Bier und 1,2 Liter Schnaps mehr erscheinen als es faktisch ist, rein statistisch!
Wie in früheren Zeiten, als der Norweger im betrunkenen Zustand in den Wald ging und freundlich mit dem Bär und Elch sprach, möchte der Norweger heute etwas ähnliches tun. Ob er sich nun auf der Fähre nach Dänemark oder in irgendeiner anderen Stadt dieser Welt befindet: nachdem er die Jahresstatistik getrunken hat, ist er glücklich, zufrieden und freundlich. Dann wird er manches Mal auf die Tanzfläche oder auf die Straße gehen und zu allen, die er trifft sagen: „Hallo, hallo ihr!“ und Anstalten machen, ihnen über den Kopf oder andere Stellen zu streichen. Viele Ausländer missverstehen das wie früher die Elche und Bären und empfinden den Norweger als bedrohlich und bringen ihn deshalb zum Schweigen. Daraufhin wird der Norweger traurig und beginnt möglicherweise mit den Armen zu rudern. Dabei kann er aus reiner Hilflosigkeit ungeschickt auftreten und Kellner oder anderes umwerfen.
Im betrunkenen Zustand wird der Norweger manchmal redselig. Dann beherrscht er plötzlich mehrere Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch usw.), die er sonst nicht kann. Und er löst im Laufe des Abends die meisten Weltprobleme.
Wenn der Amerikanische Präsident, der UN Generalsekretär oder andere, die Macht und Einfluss auf die Zukunft der Welt ausüben, einem betrunkenen Norweger zugehört und von ihm gelernt hätten, könnte die Erde ganz anders aussehen, als sie es heute tut.

Der oben aufgeführte Text stammt aus dem Buch "Wie man einen Norweger versteht und benutzt" von Odd Børretzen und ist im Cappelen Verlag in Norwegen erschienen. Es gibt das Buch nicht nur auf norwegisch, sondern auch in verschiedenen Sprachen, unter anderem in Deutsch (ISBN Nummer 8202246164) In Deutschland ist das Buch nicht im Handel erhältlich und auch in Norwegen war es lange Zeit aus verlagsbedingten Gründen nur schwer zu bekommen. Jedoch ist es 2005 neu aufgelegt worden und sollte nun überall auch recht kurzfristig beziehbar sein.
Das ganze Buch ist im oben zu sehenden Stil geschrieben und wirklich interessant und unterhaltsam. Vor allen Dingen jedoch steckt sehr viel Wahres in den Texten, was wohl jeder bestätigen kann, der schon einmal Bekanntschaft mit einem betrunkenen Norweger gemacht hat! ;-)
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